Kleine Fliege, große Wirkung

Um Lebensmittelverschwendung effektiv entgegenzuwirken, kommt nun auch eine kleine Fliege zum Einsatz. Wie genau das funktioniert und warum vor dieser Fliege auch beim nächsten Sommer-Grillen keiner Angst haben muss, das erklärt dieser Text.

18. August 2026 | Autorin: Alisa Kohler | Lesedauer: 3 Minuten

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Black Soldier Fly Larven

Es krabbelt, es wuselt und es ist verdammt warm. Wer eine ganz bestimmte Anlage von PreZero, der Kreislaufwirtschaftssparte der Schwarz Gruppe, betritt, landet gefühlt direkt in den Tropen – bei kuscheligen 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit. Eines merkt man aber auch sofort: Hier wird unter Hochdruck gearbeitet – und das von vielen tausenden kleinen Mitarbeitern. Genau hier schließt sich nämlich der Kreis für Lebensmittel, die in den Kaufland-Filialen nicht verkauft werden konnten, zum Beispiel weil sie beschädigt oder nicht mehr zum Verzehr geeignet waren. Die Anlage, das ist das warme Zuhause eines kleinen, aber extrem effizienten Hoffnungsträgers im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung: der Black Soldier Fly, der Schwarzen Soldatenfliege. Was im ersten Moment ungewöhnlich klingt, ist ein wegweisendes Projekt innerhalb der Schwarz Gruppe. Hier zeigt sich, wie aus Lebensmitteln, die sonst im Abfall gelandet wären, wertvolle neue Ressourcen entstehen. 

Vom Kaufland-Regal zum Protein

„Die Black Soldier Fly ist einer der besten natürlichen Recycler unseres Planeten“, erklärt Mark Ebeling. 

Er ist Projektverantwortlicher bei PreZero und war vom Projekt von Anfang an begeistert. Gründe genug hat er: Die Larven dieser Fliegenart sind wahre Allesfresser und können ein enorm breites Spektrum an organischem Material verwerten. Für das Projekt mit Kaufland bedeutet das konkret, dass hochgerechnet rund drei Viertel der Lebensmittelresteeiner Kaufland-Filiale in nahrhaftes Futter für die Larven verwandelt werden können. 


“Unser oberstes Ziel ist es natürlich, dass in unseren Filialen gar keine Lebensmittelabfälle entstehen. Hierfür haben wir in den vergangenen Jahren viele Prozesse erprobt, die mittlerweile ziemlich gut funktionieren. Wenn sich Lebensmittelabfälle gar nicht vermeiden lassen, zum Beispiel weil die Produkte beschädigt oder verdorben sind, wollen wir die Artikel so verantwortungsvoll wie möglich nutzen und sie sinnvoll in den Kreislauf zurückführen”, erklärt Rüdiger Blank, bei Kaufland zuständig für Nachhaltigkeit in Vertriebsprozessen, und ergänzt: “Im Projekt Soldier Fly können wir das ohne großen Mehraufwand für unsere Filialen ziemlich einfach durchführen.”
 

Black Soldier Fly Larven

Konkret funktioniert das so: Im ersten Schritt werden die aus den Filialen angelieferten Lebensmittelreste ausgepackt und zu einem feinen Brei, dem sogenannten Substrat, verarbeitet. In der anschließenden Larvenphase werden die hungrigen Insekten mit diesem Mix gefüttert, woraufhin sie die Lebensmittelreste in Rekordzeit zersetzen. Sobald sie dick und rund gefressen sind, wird ein Großteil der Larven geerntet und anschließend zu einem qualitativ hochwertigen, proteinreichen Mehl verarbeitet, das dann wiederum als wertvoller Inhaltsstoff für Tiernahrung dient. Ein kleiner Teil der Population bleibt übrig und darf sich verpuppen und zur erwachsenen Fliege heranwachsen. Da diese im flugfähigen Stadium keine Nahrung mehr aufnimmt, sorgt sie ausschließlich für Nachwuchs, aus dem wieder hungrige Larven schlüpfen – und der Prozess beginnt von vorn.


„Darum geht es uns bei diesem gemeinsamen Ansatz: Das, was wir in den Filialen nicht mehr verkaufen können, weiterzuverwenden und es nicht einfach zu entsorgen. So entstehen aus Lebensmittelresten hochwertige Proteinquellen, statt Abfall für die Tonne”, fasst Mark Ebeling zusammen
 

Ein Nutztier auf Veggie-Diät

Bleibt eine Frage zu klären: Wenn das Prinzip so genial ist, warum wird dann nicht schon der gesamte organische Abfall so verwertet? Hier bremst aktuell noch eine Gesetzgebung den Heißhunger der Larven aus.


In der EU und der Schweiz gilt die Black Soldier Fly rechtlich nämlich als Nutztier. Das bringt eine Einschränkung mit sich: Die Larven müssen strikt vegetarisch ernährt werden. Fleischreste, die im Filialalltag zum Beispiel an den Bedientheken von Kaufland auch anfallen, müssen daher vorab aussortiert werden und dürfen nicht in das Substrat miteinfließen.
 

Keine Panik am Grillbuffet

Black Soldier Fly

Wer nach dem Wocheneinkauf bei Kaufland und dem Gedanken an Millionen Fliegen jetzt Angst um sein Grillgut oder den Pflaumenkuchen auf der Terrasse hat, kann beruhigt aufatmen. Die Black Soldier Fly ist nicht mit der gemeinen Wespe oder der klassischen Stubenfliege zu vergleichen.


Möglichen Sorgen am Kuchentisch beugt Mark Ebeling direkt vor, denn dass sie wie Wespen zu Räubern der Lüfte werden, ist ausgeschlossen. Die erwachsene Fliege verfügt über keinerlei Stachel oder Kauwerkzeug und zeigt kein Interesse an einer Futteraufnahme.  Selbst die Larve ist völlig harmlos. Sie kann weder beißen noch stechen, sondern saugt das flüssige Substrat lediglich auf. Zudem meiden die Larven das Licht und das deutsche Klima ist ihnen ohnehin viel zu frisch, weshalb sie bei PreZero in eigens beheizten Containern gezüchtet werden müssen. Ein Ausbüxen in die freie Natur ist also weder attraktiv für die Fliege noch gefährlich für den Menschen.
 

Nächster Halt: Buchen

Das Projekt hat die Kinderschuhe längst verlassen und steht vor dem nächsten großen Meilenstein. Aktuell laufen die Vorbereitungen für den ersten industriellen Standort auf Hochtouren. Im kommenden Jahr sollen die Larven der Black Soldier Fly im baden-württembergischen Buchen einziehen, um dort Lebensmittelreste im großen Stil zu verwerten. Ein Projekt, das zeigt, wie kleine Lebewesen Großes im Sinne einer grünen Zukunft bewegen können.